Wie sich dein Tag für mich anfühlt - das Nervensystem erzählt

01.03.2026

Der Tag beginnt, bevor sie wirklich da ist.
Noch während der Körper schwer ist, übernehmen die Gedanken. Sie greifen vor, ordnen, planen. Für mich ist das ein klares Signal. Ich bringe den Körper in Bereitschaft. Der Herzschlag wird etwas schneller, die Muskulatur spannt sich an, die Aufmerksamkeit richtet sich nach außen.

Sie steht auf.
Der Rücken noch rund, der Brustraum eng, der Blick nach vorne geneigt. Viel Sitzen wird folgen. Für mich ist das nicht neutral. Die Haltung verändert den inneren Zustand. Über den Rücken, den Kiefer, über die Hüften, den tief liegenden Muskel, der alles zusammenhält. Ich reagiere darauf, indem ich Schutzspannung aufbaue.

Der Tag nimmt Fahrt auf.

Termine, Aufgaben, Anforderungen. Alles geht schnell. Gedanken springen von Punkt zu Punkt. Für mich bedeutet das: wach bleiben und zügig reagieren. Ich halte den Fokus eng, ziehe die Aufmerksamkeit zusammen. Pausen entstehen kaum. Und wenn doch, werden sie gefüllt. Mit dem Handy. Mit dem nächsten Gedanken. Mit dem, was noch erledigt werden muss.

Ich sende Signale.
Über Müdigkeit.
Über Schwere.
Über ein Bedürfnis nach Aufrichten, nach Bewegung, nach Innehalten.

Sie nimmt sie wahr – und geht darüber hinweg.

  • "Müdigkeit geht jetzt nicht."
  • "Reiß dich zusammen." 
  • "Trink noch einen Kaffee!"
  • "Das ziehst du jetzt durch."
  • "Schwäche kannst du dir nicht leisten."

Der Kopf arbeitet mit dem, was ihm beigebracht wurde.
Ich arbeite mit dem, was im Körper geschieht.

Wir sind uns nicht immer einig.

Während sie weiter sitzt, gebeugt, angespannt, halte ich den Muskeltonus hoch.
Der Atem bleibt flacher, der Brustraum eng. Nicht, um sie zu bestrafen, sondern um Stabilität zu schaffen. Der Körper soll funktionieren.

Geräusche kommen hinzu. Viel zu viele Reize. Ich passe ständig nach. Puls, Atem, Spannung. Es ist ein fortlaufendes Regulieren ohne echte Entlastung. Die Haltung bleibt gleich, das Tempo hoch, die Aufmerksamkeit nach außen gerichtet.

Früher war der Tag anders strukturiert.
Es gab klarere Enden. Zeiten, in denen nichts mehr verlangt wurde. Der Körper durfte sich aufrichten, weiten, langsamer werden. Für mich war das ein klares Zeichen: Aktivierung darf abgebaut werden.

Heute fließt alles ineinander.
Arbeit, Erreichbarkeit, Verantwortung, Gedanken.
Es gibt kaum Übergänge. Für mich heißt das: Ich bleibe aktiv. Nicht aus Gewohnheit, sondern weil ich keine andere Information bekomme.

Am Abend trage ich all das weiter.
Nicht nur die Gedanken, sondern die Haltung des Tages. Die Spannung, die sich aufgebaut hat. Die Signale, die übergangen wurden. Wenn ich dann zögere, loszulassen, liegt das nicht an der Nacht. Es liegt daran, dass ich noch nicht gehört wurde.

Ich weiß, dass sie müde ist.
Und ich weiß, dass sie funktionieren möchte.

Ich brauche keinen Perfektionismus.
Keine Optimierung.
Ich brauche, dass Signale ernst genommen werden.

Denn dort, wo sie nicht übergangen werden,
kann ich beginnen, Spannung zu lösen.
Dort kann der Körper aufrichten, atmen, weicher werden.

Und dort entsteht die Voraussetzung für Ruhe.

Zum ersten Mal durfte ich mich hier zeigen.
Nicht über Symptome, nicht über Gedanken, sondern über das, was ich täglich leiste.

Es tut gut, gehört zu werden.
Ernst genommen zu werden.
Nicht übergangen.

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir zuzuhören.
Allein das verändert bereits etwas.